Von der Gemeindekirche vor Ort zur Kulturkirche im ländlichen Raum – Die Konzeption der Kulturkirche Schüpfer Grund
1. Die Kulturkirche Schüpfer Grund: Der Seele einer Landschaft Raum geben
Wer das Schüpfbachtal, am Rand des Taubertals gelegen, durchwandert, findet eine beseelte Landschaft vor. Man kann aufatmen und über einen weiten Raum staunen. Der Schüpfbach und die Weinberge, die Felder und die Wälder, die Kirchen und die Schlösser, die in die Höhe und Breite aufgerichteten Wegkreuze eröffnen Spuren, in denen Gott heilsam gewirkt hat und wirkt. Die Kulturkirche Schüpfer Grund ist der Versuch, der Seele dieser Landschaft nach innen und nach außen Raum zu geben.
Unter einer „Kulturkirche“ versteht man ursprünglich eine Kirche, die infolge einer Kirchenschließung aus der Nutzung als religiöse Stätte ausgeschieden ist und nunmehr gesellschaftlichen oder künstlerischen Zwecken dient. Inzwischen gibt es aber auch Kulturkirchenprojekte, in denen der Kirchenraum sakraler Raum und Ort regelmäßiger Gemeindegottesdienste bleibt und für kulturell-künstlerische Veranstaltungen geöffnet wird. Die Chance dieser Perspektive besteht für Gemeindekirchen darin, sich Veranstaltungsformaten zu öffnen, die auch für die jüngere bis mittlere Generation attraktiv sind und jene ansprechen, die religiös offen sind, sich aber nicht zur Gottesdienstgemeinde zugehörig fühlen. Mit dem Konzept „Kulturkirche“ geht es im Schüpfer Grund (1) um eine inhaltliche Gestaltungsperspektive der Renovierung der Ev. Kirche Unterschüpf, die im Jahr 2011 mit dem 450-jährigen Reformationsjubiläum abgeschlossen sein soll. Die Orientierung an einer Kulturkirche bedeutet hier, den Innenraum der Kirche so zu gestalten, dass Religion und Kultur, Geselligkeit und Bildung für zukünftige Generationen zugänglich sind. Die Winkelhakenkirche in Unterschüpf bietet gute Möglichkeiten, fließende Übergänge von Konzerten zu Sekt- und Weinempfängen zu gestalten (Kultur und Geselligkeit); die Konfirmandenarbeit aus einem Gruppenraum der Sakristei in die Begehung und Erschließung des Kirchenraums zu verlagern (Religion und Bildung); im offenen Altarraum Gottesdienste mit musikalischen Akzenten zu feiern (Religion und Kultur); einen Vortrag mit Diskussion und anschl. Wein bei Stehtischen anzubieten (Bildung und Geselligkeit); oder etwa eine Kunstausstellung mit Werkeinführung durch den oder die Künstlerin zu eröffnen (Kultur und Bildung). Schließlich handelt es sich bei dem Konzept „Kulturkirche“ (2) um eine umfassende Reformperspektive für die Gemeindeentwicklung im Schüpfer Grund, die sich an Tiefendimensionen und offenen Wirkungskreisen einer Kulturkirche orientiert.
2. Die Tiefendimensionen und offenen Wirkungskreise der Kulturkirche Schüpfer Grund
Religion, Kultur, Geselligkeit und Bildung sind Tiefendimensionen einer Kulturkirche, in der die Freiheit des kulturellen, gestalterischen Ausdrucks in Kunst und Musik mit der Suche nach Sinn, nach religiöser Tiefe verbunden wird. In einer Kulturkirche ist die Vielfalt kultureller Stile zu finden, sie wirkt daher modern und zeitgemäß. Im Unterschied zu missionarischen Gemeindeaufbaumodellen wird Kultur aber nie als Mittel zum Zweck missbraucht: Die Kulturkirche Schüpfer Grund verfolgt nicht das Ziel, das Evangelium, das eigentlich schon klar ist, nur möglichst zeitgemäß und ansprechend zu „verpacken“. Sie sucht mit ihren Zeitgenossen nach dem, was sich heute als Evangelium, als befreiende Botschaft, als heilsam erschließt: Kulturkirche sucht in der Freiheit des Kulturellen nach religiöser Tiefe. In der Ernsthaftigkeit der Suche nach dem, „was uns unbedingt angeht“ (P. Tillich), entzieht sich Kulturkirche wiederum beliebigem Eventmanagement und verweigert sich der Anpassung an kurzatmige Vermarktungsstrategien. In Gesprächen mit Menschen im Schüpfer Grund und aus der Region wird deutlich, dass sie gerade dies an den bisherigen Veranstaltungen der Kulturkirche Schüpfer Grund schätzen: Frei, aber nicht oberflächlich; religiös tief, aber nicht zwanghaft angesprochen zu werden. „Die Seele wird gelassen“, hieß es - im Doppelsinn des Ausdrucks „gelassen werden“.
Neben Tiefendimensionen erschließt eine Kulturkirche auch offene Wirkungskreise und setzt Impulse für die Neuorientierung der klassischen Gemeindearbeit. Im ersten Wirkungskreis erschließt die Kulturkirche Schüpfer Grund durch kulturelle Veranstaltungen im Kirchenjahr und Kirchenraum Räume und Zeiten, in denen Menschen ihr Alltagserleben überschreiten können, nach Orientierung und Vergewisserung suchen und Mut zum Leben finden (spirituelle Lebenskultur). Im Zentrum der kulturkirchlichen Arbeit im Schüpfer Grund stehen hier die vier geistlichen Angebote: „Figuren der Verwandlung“ (Advent), „Wege nach Innen“ (Passion), „Leben aus der Tiefe“ (Pfingsten) und „Miteinander Unterwegs“ (Trinitatis). Sie bilden einen Zyklus, der in Kunst und Musik, Kirchenraum und Landschaft heilsame Impulse des Kirchenjahres freisetzt: Aufbrechen und sich wandeln (Advent/Weihnachten) – in die Tiefe gehen (Passion/Ostern) – die eigene Lebensspur finden (Pfingsten) – unterwegs bleiben (Trinitatis).
Davon gehen Wirkungen in den zweiten Wirkungskreis aus. Kirche findet sich in der kollektiven Lebenskultur vor: Christen leben in den vielfältigen Bindungen von Beruf und Familie, Vereinen, Ortschaften und Institutionen (Kindergarten, Schule u.a.). Im Schüpfer Grund wirken noch viele lebendige Vereine und tragen zu einem ausgedehnten Festzyklus bei, in den auch die Kirche mit Gottesdiensten eingebunden wird. Eine kulturkirchliche Perspektive einnehmen heißt hier, nicht in Konkurrenz zum Vereinsleben und seinen Geselligkeitsformen zu treten und vielfältige kirchliche Gruppen zu bilden. Es geht eher darum, Räume und Zeiten zu entwickeln, in denen Menschen den Mut zur Teilhabe an dem vielfältigen örtlichen Leben gewinnen, den Mut zur Partizipation am Ganzen des Ortes, ohne sich selbst im Druck des Kollektivs zu verlieren. Das Abendmahl wird hier zum heilenden Symbol und eröffnet Teilhabe an einer Gemeinschaft, die zur Freiheit ermutigt und freigibt. Die Vertiefung der Familiengottesdienstarbeit wird im zweiten Wirkungskreis die Aufgabe, da die Familie die Grundform gemeinsamen Lebens bildet und wie nie zuvor als brüchig erlebt wird.
Im dritten Wirkungskreis strahlen Impulse einer Kulturkirche in die individuelle Lebenskultur aus: Es werden Räume und Zeiten erschlossen, in denen Menschen in und zu ihrer Individualität ermutigt werden. Die Taufe wird zum heilenden Symbol, die eigene (Unheils)Geschichte anzunehmen und auf den Weg ins das eigene, vor Gott verantwortete Leben aufzubrechen: Tauferinnerung, die hilfreiche Gestaltung der Kasualien an den Lebensschwellen und die heilsame Begleitung in Lebenskrisen werden in diesem Wirkungskreis zur Aufgabe. Eine kulturkirchliche Perspektive einzunehmen heißt hier, Menschen zu individueller Lebenskultur zu ermutigen und Freiheit zuzumuten. Es geht um den Mut zur Individuation: Individualität wird religiös fundiert - und nicht verbrämt bzw. in die Gleichförmigkeit einer religiösen Gruppe eingeebnet.
Die kulturtheologische Matrix der Gemeindeentwicklung:

3. Die Schwerpunktveranstaltungen der Kulturkirche Schüpfer Grund im Kirchenjahr
| Kirchenjahr |
(Kirchen)Raum |
Veranstaltung |
Zugang |
| Advent |
Unterschüpf |
Geistliches Konzert |
Kirchenmusik (Klassik) |
| |
Lengenrieden
Oberschüpf
Unterschüpf |
„Figuren der Verwandlung“
- drei Andachten mit Creglinger Krippenfiguren |
Kunst |
Weihnachten
(Heilig Abend) |
Unterschüpf
Oberschüpf
Lengenrieden |
Gottesdienst m. Krippenspiel
Gottesdienst m. Chorkonzert
Gottesdienst/Christvesper |
Theater
Kirchenmusik
Predigt |
| Passion |
Oberschüpf |
Geistliches Konzert |
Kirchenmusik(Soul) |
| |
Oberschüpf |
„Wege nach Innen“ – vier ökum. Andachten zum Kirchenraum |
Kirchenbau |
| |
Unterschüpf
Oberschüpf
Kupprichhausen |
Abendmahlsunterweisung der 8/9-jährigen Kinder (Familien-gottesdienst, -frühstück, Unterricht, Osternacht) |
Abendmahlssakrament: Ansatz für monatliche Familiengottesdienste mit Abendmahl |
| Karfreitag |
Usch/Osch/Le |
Karfreitagsgottesdienste |
Predigt |
| Ostern |
Oberschüpf
Unterschüpf
Usch/Osch/Le |
Osternacht
Liedgottesdienst
Ökum. Gottesdienste auf dem Friedhof (Ostermontag) |
Liturgie
Kirchenlied
Liturgie (Prozession) |
| Pfingsten |
Unterschüpf
(Kath. + Ev. Kirchen) |
„Leben aus der Tiefe“ -
Nacht der offenen Kirchen
*Ökumen. Gottesdienst mit Segnung und Salbung
*Mitternachtskonzert
*Gebetswache
*Liturg. Morgenandacht |
Liturgie
Kirchenmusik (Pop)
Kirchenraum
Liturgie |
| Trinitatis |
Ku/Le/Osch/Usch |
„Miteinander Unterwegs“ Kirchen- /Weinwanderung |
Kulturlandschaft |
| |
Usch/Osch/Le |
Tauferinnerungsgottesdienste zum Beginn des KU |
Taufsakrament: Ansatz für Gottesdienste im Lebenszyklus |
| Ende des Kirchenjahres |
Unterschüpf |
Geistliches Konzert
„Schatten und Licht“ |
Kirchenmusik (Gospel/Jazz) |
Autor:
Heiner Kücherer, Dr. theol., von 2001 bis 2004 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Praktisch-Theologischen Seminar der Universität Heidelberg, seit 2004 Pfarrer in den Evangelischen Kirchengemeinden Unterschüpf, Oberschüpf, Lengenrieden. Schwerpunkte: Predigtmeditation, tiefenpsychologische Homiletik, Tillich-Rezeption (Kulturkirchenmodelle)
Literaturempfehlung:
*Paul Tillich, Der Mut zum Sein, Berlin 1991 (Nachdruck aus GW XI. Band „Sein und Sinn“, 1969)
*Räume der Begegnung: Religion und Kultur in evangelischer Perspektive (EKD-Denkschrift), Gütersloh 2002
*Ulrike Schäfer-Streckenbach, Kulturkirchen: Wahrnehmung und Interpretation, Gütersloh 2007 |